Zum Welttag des Buches

Zum Welttag des Buches habe ich meine Kollegen gefragt, was Literatur für sie ist. Für Redakteure eines Literaturmagazins taten sie sich erstaunlich schwer. Am Ende hat jeder und jede von ihnen einen kleinen Text geschrieben.


Meike Dannenberg
– Kinder- und Kriminalliteratur –

Ich bin meinen Eltern sehr dankbar für die vielfältige Bibliothek, die sie nach ihrem ziemlich eigenwilligen Geschmack gefüllt hatten. Sowohl Robert Gernhardts Gedichte, Titanic-Hefte, Asterix & Obelix, als auch Romane wie „Die Edelweißpiraten“ oder „Die Brüder Karamasow“ und der Ziegel für Pseudolinke, Marxs „Kapital“ waren von Seiten meines Vaters vorhanden, aber auch Allendes „Geisterhaus“ oder Gedges „Die Herrin vom Nil“ (inzwischen in seine Bestandteile zerlesen) und andere eher berührende Romane, sowie fast alles von Hesse, von Seiten meiner Mutter. Sogar meine Oma las: Groschenromane, vorzugsweise mit goldenem Rand. Und da ich als Kind alles las, was Buchstaben hatte, verdanke ich ihr unter anderem romantische Stunden mit den rund 6000 Seiten der „Angelique“ Romane und weitere mit dem deutschen verarmten Landadel.

Die Mitgliedschaft im Bertelsmann Buchclub sorgte für einer der interessantesten, seltsamensten Romane meiner Jugend: „Der Ruf ins andere Land“ von Dahlov Ipcar, wegen dem mein Kind Nora heißen sollte. Die Kinderbücher, die unter dem Weihnachtsbaum lagen waren von Astrid Lindgren, Klaus Kordon, Lisa Tetzner und F.K. Waechter und wurden heiß geliebt. Auch heute lesen wir alle: mein Vater, meine Mutter, mein Mann, meine Tochter, meine Schwester, mein Schwager, mein Neffe und weitere Verwandte, jeder nach seinem Gusto.

Was sollen diese Aufzählungen? Heute fragen sich viele Menschen, wie man Kinder fürs Lesen begeistern kann. Es wird sich gesorgt. Ums Buch, um Geschichten, die eine größere Brücke schlagen als die Happen aus dem Internet. Und wie kriegt man Kinder zum Lesen? Selber den Laptop weg packen, Fernseher aus und Smartphone ins Klo. Und lesen. Egal was! Und verschiedenste Bücher anschleppen. Und für Kinder, deren Eltern nicht lesen oder lesen wollen, hier engagieren: www.netzwerkvorlesen.de.


 

Christian Bärmann
– Hörbuch und Hörspiel –

Mit meinem ersten Hörspiel ist es wie mit einem guten Freund, den man lange nicht gesehen hat: Wenn man sich wiedersieht, ist es dennoch so, als wäre keine Zeit vergangen. Als ich „Kapitän Hornblower“ zum ersten Mal in meinen Kassettenrekorder gesteckt habe, war ich ca. zehn Jahre alt und mir noch nicht bewusst, damit auf ewig zum „Kassettenkind“ zu werden. Die EUROPA-Produktion mit Helmo Kindermann, Horst Stark und Gernot Endemann wurde zum Begleiter meiner Kindheit, zum Retter langer Urlaubsfahrten und derart oft gehört, dass sogar meine Eltern mitsprechen konnten (und des Hörens dennoch nie überdrüssig wurden). Als ich mir das Hörspiel viele Jahre später – die Kassette war irgendwann spurlos verschwunden – als CD in Vinyloptik kaufte und zum ersten Mal in die Schublade meines CD-Spielers steckte, kam es mir vor, als habe es die lange Hörpause nie gegeben. 


Olaf Ernst
– Redaktion –

Ich möchte mit Daniel Pennac sprechen, er hat eine Liebeserklärung an die Literatur verfasst und darin 10 Rechte des Lesers verankert: 

1.   Das Recht, nicht zu lesen
2.   Das Recht, Seiten zu überspringen
3.   Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen
4.   Das Recht, noch einmal zu lesen
5.   Das Recht, irgendwas zu lesen
6.   Das Recht auf Bovarysmus, d. h. den Roman als Leben zu sehen
7.   Das Recht, überall zu lesen
8.   Das Recht, herumzuschmökern
9.   Das Recht, laut zu lesen
10. Das Recht, zu schweigen

Tina Schraml
– Chefredakteurin –

Mir die Welt erlesen wollte ich schon immer. In den Ferien die Schiffe vorbeiziehen lassen, während mein Schwester und ich in Buchwelten eintauchten und unser Vater nur kopfschüttelnd resignierte. Wir würden nie Augen für die vorbeiziehende Landschaft haben. Meine Kindheitsheldin war das Waisenmädchen Anne aus „Anne auf Green Gables“, die ihr neues Zuhause auf Prince Edward Island zu ihrer ganz eigenen Phantasiewelt verdichtet. Als sie erwachsen wird, lernt sie, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Und genau diese Geschichten will ich lesen, weil sie mir erzählen was die Menschen bewegt, die mich berühren. Deshalb habe ich vor dem Studium Buchhändlerin gelernt, weil ich mitten in den Büchern leben wollte. Und deshalb bin ich sehr glücklich, dass ich seit drei Jahren mit meinen Kollegen das BÜCHER Magazin mache, weil wir unser Leidenschaft für Literatur mit unseren Lesern teilen dürfen.


 

Elisabeth Dietz
– Graphic Novels, Internet-Angelegenheiten, Hochliteratur –

Allmählich geht mir auf, warum die Kollegen so lange gebraucht haben, um diese Texte abzuliefern. Es ist, als hätte jemand (ich!) mich gefragt, was mir Sauerstoff bedeutet und ob ich dazu mal eine Geschichte erzählen könnte. Womit ich nicht andeuten möchte, dass ich nach fünf Minuten ohne Buchstaben einen irreparablen Hirnschaden erleide, sondern nur, dass mir nicht auffällt, wenn ich lese. Es hört einfach nicht auf. Ich kann erzählen, wie es angefangen hat.

Einmal – ich hatte eine beidseitige Lungenentzündung – verbrachte ich sechs Wochen in einer Höhle unter dem Wohnzimmertisch meiner Eltern. Durch einen Spalt zwischen zwei Bettdecken konnte ich die Stereoanlage bedienen, aber „Benjamin Blümchen als Bademeister“ ist selbst mit vierzig Grad Fieber nicht unbegrenzt unterhaltsam. Unter einem Regal fand ich eine dünne blaue Fibel. Sie stammte aus den Fünzigern, die Kinder darin holten Heu heim und putzten ihren Vätern die Schuhe und bekamen am Ende trotzdem nichts vom Nikolaus. Als ich wieder aus der Höhle herauskroch, war die Welt klarer geworden, aber irgendwie war sie auch weiter weg.

Ich müsste wirklich mal für längere Zeit an einen Ort ohne Bücher, nur um zu sehen, was passiert. Die bloße Vorstellung macht mir Angst.

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