Sonja Hartl

Bild_SH_FotorSonja Hartl (sh),
freie Journalistin und Bloggerin, Expertin für Filmkunst
www.textstube.de und www.zeilenkino.de

Was macht einen guten Rezensenten aus?
Offenheit – gegenüber Genres und Stilen, Kenntnisse – innerhalb des Genres und der Literatur im Allgemeinen, das Bemühen um größtmögliche Objektivität und dass das Buch auch zu Ende gelesen wird.

Gibt es ein Buch, für das Ihnen die Worte fehlten?
Nein. Es gibt Bücher, die mich im Moment des Zuklappens einen Moment sprachlos werden lassen, aber dann setzt sofort das Denken und Analysieren ein.

Mussten Sie Ihr Urteil über ein Buch schon einmal revidieren?
Gänzlich revidieren bisher noch nicht. Manchmal denke ich, dass ein Buch etwas zu schlecht (zuletzt „Opfer“ von Cathi Unsworth) oder etwas zu gut weggekommen ist. Abgesehen davon lese und höre ich gerne gänzlich andere Meinungen zu einem Buch oder einem Film. Es regt mich zum Nachdenken an und zeigt mir neue Blickwinkel.

Wie kann ein Autor Sie in Rage versetzen?
Indem er seine Leser – und damit mich – nicht ernst nimmt und beispielsweise schlampig recherchiert hat, einzelne Handlungsfäden aus den Augen verliert, logische Fehler übersieht oder schlicht und einfach jede Kleinigkeit ausführlich erklärt und am besten die Deutung gleich mitliefert.

Welcher ist der größte Fehler, den selbst ein professioneller Leser machen kann?
Voreingenommen sein. Ein schlechtes Buch macht noch keinen schlechten Autor aus, gleiches gilt für ein gutes Buch.

Was zeichnet eine gute Literaturverfilmung aus?
Eigenständigkeit gegenüber dem verfilmten Werk. Eine Adaption wird niemals die Imagination des Lesers hundertprozentig auf die Leinwand bringen, und sie muss die Bilder, die ich im Kopf hatte, noch nicht einmal ansatzweise treffen, solange sie mir eine in sich stimmige, geschlossene Interpretation des Werkes liefert. Eine gute Literaturverfilmung erlaubt es, ein bekanntes Werk noch einmal mit anderen Augen zu sehen.

Das beste Buch, das Sie in den letzten zwei Monaten gelesen haben:
Hier muss ich zwei Titel nennen, die mich gerade im Zusammenwirken sehr beeindruckt haben: „Americanah“ von Chimanda Ngozi Adiche und „Nairobi Heat“ von Mukoma wa Ngugi – erstes erzählt von einer Nigerianerin, die in die USA geht und dort erstmals Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe kennenlernt, zweites ist ein Kriminalroman, in dem ein afroamerikanischer Cop nach Kenia geht und dort als ‚weißer Mann‘ angesprochen wird.

Die schlechteste Literaturverfilmung, die Sie jemals gesehen haben:
Auch mit einem Jahr Abstand bin ich immer noch erzürnt über die Verfilmung von „Nachtzug nach Lissabon“, bei der viel Geld und Talent für eine mäßige Euro-Schmonzette verschwendet wurden.

Das Buch, dem Sie so viele Leser wünschen wie nur irgend möglich:
„Der Killer stirbt“ von James Sallis.

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